Wer beim Lesen des Titels denkt: "Watt? Stimmt doch gar nicht!", hat mit meiner Wenigkeit offensichtlich eine eher pessimistische Vorstellung von der Tätigkeit des "Lernens" gemeinsam. Wie ich zu dieser ungeheuerlichen Behauptung komme?
Kürzlich suchte ich nach einer englischen Übersetzung des Ausdruckes "steile Lernkurve". Ich wollte aussagen, dass der Aufwand, sich in ein bestimmtes Softwareprodukt einzuarbeiten, sehr hoch ist, da man sich dazu mit vielerlei spezifischen Techniken und Konzepten beschäftigen muss.
Dabei stieß ich auf eine alternative Definition der Lernkurve, die dem Begriff eine völlig andere Bedeutung zumisst. Ähnliches hatte Clemens ja auch von dem Wörtchen "transparent" berichtet. Bei der Lernkurve ist jedoch interessant, dass die alternative Definition so ziemlich das Gegenteil der umgangssprachlichen (und meiner Intuition entsprechenden) Bedeutung ist.
Dazu stelle man sich ein zweidimensionales Koordinatensystem vor. Auf der x-Achse betrachten wir die Zeit, auf der y-Achse die Menge an Stoff, die man gelernt hat. In einem solchen Koordinatensystem bedeutet eine steile Lernkurve, dass man in sehr kurzer Zeit viel lernt, steht also für effizientes Lernen. Ein flache Lernkurve hingegen besagt, dass trotz hohem Zeitaufwand nur wenig gelernt wird.
In der umgangssprachlichen Version der Lernkurve wird jedoch auf der y-Achse statt der gelernten Stoffmenge der Lernaufwand für eine bestimmte Stoffmenge betrachtet. Ergo bedeutet eine steile Lernkurve hier: der Aufwand, um in kurzer Zeit eine bestimmte Stoffmenge zu lernen, ist sehr hoch.
Man kann also sagen, dass die erste - meiner Ansicht nach unüblichere - Definition eine optimistische oder positive Sichtweise auf das Lernen zu Grunde legt, da Lernen als Erfolg angesehen wird. Die zweite Definition jedoch sieht Lernen als Aufwand, und wirkt daher auf mich deutlich pessimistischer.
Macht ja auch irgendwie Sinn: wenn etwa in einer Firma die Einarbeitung in ein Softwareprodukt die Ressource Mensch bindet, dann misst sich der Wert des Gelernten weniger in der erreichten Erleuchtung als im schnöden Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen. Aristoteles wäre entsetzt.
Bei der Übersetzung machte übrigens "longish learning curve" das Rennen. Ich würde das als Schwammigkeit mit Hang zur optimistischen Definition bezeichnen. Soll mir Niemand erzählen, ich wäre ein schlechtes Beispiel.